Schüchterne Kinder stärken: Übungen und Tipps für Schule und Freizeit

Ein schüchternes Kind zu haben, kann für Eltern manchmal herausfordernd sein. Vor allem dann, wenn du dir doch so sehr wünschst, dass dein Kind selbstbewusst in die Welt tritt und auf Menschen zugeht. Gleichzeitig ist Schüchternheit keine Krankheit und auch keine Schwäche. Schüchterne Kinder besitzen viele Stärken: Sensibilität, eine gute Beobachtungsgabe, Vorsicht und oftmals eine tiefe Empathiefähigkeit. In diesem Artikel schauen wir uns an, was Schüchternheit und Introversion bedeuten und welche Ursachen hinter der Schüchternheit stecken können. Außerdem gebe ich Tipps, wie du dein schüchternes Kind so stärken kannst, damit es seine Fähigkeiten entfalten kann, ohne sich überfordert zu fühlen. Du bekommst klare Dos & Don’ts für den Alltag sowie praxisnahe Übungen, um dein schüchternes Kind zu stärken – zu Hause, in der Schule und in der Freizeit.
Definition & Ursachen von Schüchternheit
Was ist eigentlich Schüchternheit?
Schüchternheit beschreibt ein spezifisches Verhalten von Menschen im Umgang mit anderen. Gerade Kinder und Jugendliche werden als schüchtern beschrieben, wenn sie auf soziale Situationen mit Zurückhaltung, Nervosität oder Zurückgezogenheit reagieren. Oft fängt in Situationen, in denen schüchterne Kinder von fremden Menschen umgeben sind, ihr Herz an zu klopfen, sie erröten oder schwitzen. Schüchternheit ist meist eine Folge von Angst, sich zu blamieren, etwas Falsches zu sagen oder sich lächerlich zu machen. Diese Angst führt dazu, dass schüchterne Kinder Kontakte vermeiden, nur leise sprechen und sich in ihr Schneckenhaus zurückziehen. Schüchterne Kinder schrecken oft davor zurück, andere nach dem Weg zu fragen, sie trauen sich nicht, alleine beim Bäcker eine Semmel zu kaufen oder sich anderen spielenden Kindern anzuschließen.
Viele Eltern erzählen mir, dass ihr Kind besonders gegenüber fremden Personen schüchtern reagiert und sie es für diese Situationen stärken wollen. In einer Umgebung, in der es sich auskennt, wohlfühlt und wo vertraute Personen ihm Sicherheit geben, verschwindet die Schüchternheit plötzlich.
Schüchternheit ist also ein Gefühl, das zu Unsicherheit in sozialen Interaktionen mit unbekannten Personen auftritt. Kindern und Jugendlichen, die unter ihrer Schüchternheit leiden, fällt es meist schwer, ihre Bedürfnisse zu äußern. Sie halten sich daher oft im Hintergrund oder verzichten ganz auf Dinge, die ihnen Spaß machen, um die Aufmerksamkeit nicht auf sich zu lenken.
Der Unterschied zwischen Schüchternheit und Introversion
Oft verwechseln wir im Alltag Schüchternheit mit Introversion oder setzen die beiden Begriffe gleich. Das Verhalten von schüchternen Menschen habe ich bereits beschrieben. Introversion hingegen beschreibt eher eine Art von Temperament und weniger ein Verhalten.
Die Begriffe Introversion und Extraversion wurden vom Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung im Rahmen seiner Typologie geprägt. Heute werden die Begriffe noch verwendet, allerdings nicht als Gegensätze, die sich ausschließen. Vielmehr bewegen wir Menschen uns zwischen ihnen auf einer kontinuierlichen Skala.
Introvertierte Menschen laden ihre Energiereserven eher durch Ruhe, Einzelaktivitäten und Gespräche in kleiner Runde auf. Sie reagieren im Allgemeinen stärker auf Reize von außen. Im Gegensatz dazu ziehen Extrovertierte ihre Energie aus sozialen Interaktionen mit andern und fühlen sich gerade in größeren Gruppen besonders wohl.
Schüchternheit ist oft mit der Angst verbunden, von anderen bewertet oder sogar abgewertet zu werden, wohingegen Introversion ein Persönlichkeitsmerkmal beschreibt.
Eine introvertierte Person ist einfach gerne allein, leidet aber nicht unter dem Alleinsein. Schüchternheit kann bei Introvertierten häufiger auftreten, ist aber kein notwendiges Merkmal. Ein introvertiertes Kind mag oft ruhiger sein, braucht aber nicht zwangsläufig Unterstützung, wenn es sich wohlfühlt mit seinem Temperament. Ein nach außen hin schüchtern wirkendes Kind kann das Alleinsein genießen, kann in ruhigen Situationen mit weniger Menschen seine Batterie aufladen und sich stärken. Das bedeutet aber nicht, dass es sich immer schüchtern verhält.
Oft sagen Eltern über ihre schüchternen Kinder, sie bräuchten mehr Selbstbewusstsein. Schüchterne Kinder sind sich ihrer selbst jedoch oft sehr stark bewusst. Was sie viel mehr benötigen, ist das Vertrauen in sich selbst, damit sie merken: „Ich bin gut, so wie ich bin!“
Vor Kurzem erzählte mir ein Mädchen, dass sie gerne vor der ganzen Klasse Geschichten vorliest. Zu Hause spielt sie aber am liebsten nur mit ihrer besten Freundin zusammen im Zimmer. Sie ist also introvertiert, aber nicht schüchtern.
Der Schauspieler Clint Eastwood sagte einmal: „Introvertierte können großartige Schauspieler sein, weil sie ein reiches Innenleben haben.“
Als Eltern bedeutet das für euch, genau hinzuschauen, ob sich euer Kind wohlfühlt oder sich Unterstützung wünscht. Wenn die Schüchternheit euer Kind im Alltag stark einschränkt, dann kann ein Kinder- und Jugendcoaching sinnvoll sein, um das Vertrauen eures schüchternen Kindes zu stärken.
Ursachen und Einflussfaktoren von Schüchternheit
Schüchternheit kann viele Ursachen haben, oft spielen auch mehrere Faktoren zusammen. Die Wissenschaft geht davon aus, dass Schüchternheit zum Teil aus Erfahrungen erworben wird, aber zum Teil auch vererbt werden kann.
Anlage und Temperament
Schon im Säuglingsalter erkennt man unterschiedliche Erregungs- und Reaktionsmuster. Manche Kinder sind von Natur aus zurückhaltender und sensibler gegenüber neuen Reizen. Sie haben also genetisch bedingt eine eher vorsichtige Persönlichkeit. Diese Kinder beobachten Situationen, bevor sie sich einbringen, verhalten sich oft ruhig und zurückhaltend. Ich persönlich würde in diesem Fall eher von einer introvertierten Persönlichkeit sprechen.
Bindung und frühe Erfahrungen
Eine sichere Bindung gibt Kindern immer Rückhalt. Kinder, die schon früh unsichere Bindungen erfahren haben, können darauf mit schüchternen Verhaltensmustern reagieren. Ist das Umfeld meist laut oder besonders fordernd, kann sich ein Kind zurückziehen. Aus dem Gefühl der Überforderung kann bei manchen Kindern dann in weiterer Folge Schüchternheit resultieren.
Auch ein Erziehungsstil, der alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumt und wenig Gelegenheit zu Selbstwirksamkeit bietet, kann Kinder vorsichtiger werden lassen. Sie lernen nicht, dass sie Schwierigkeiten selbst überwinden können und dass Fehler okay sind und zum Lernen dazugehören.
Umwelt und Lernerfahrungen
Negative Erfahrungen (z. B. Bloßstellung durch andere, Ausschluss aus einer sozialen Gruppe, Mobbingerfahrungen oder ein Einbruch in der näheren Umgebung) können die Schüchternheit von Kindern verstärken. Auch andauernde Kritik kann Kinder verunsichern, dann kann Schüchternheit als Schutzmechanismus dienen. Nach dem Motto: „Ich sage lieber nichts, das kann mich vor Verletzungen bewahren“.
Soziale Erwartungen und Vergleich
Kinder nehmen auch subtile Signale schon sehr früh wahr. Wenn sie in der Familie zum Beispiel dafür gelobt werden, sich ruhig zu verhalten und allein in ihrem Zimmer zu spielen, kann das das schüchterne Verhalten von Kindern verstärken. Auch der Vergleich mit Geschwistern oder anderen Kindern kann in die Schüchternheit führen: „Schau mal, wie brav der Maximilian sich immer benimmt.“
Warum Schüchternheit etwas Tolles ist
Schüchterne Kinder beobachten oft genau, denken nach, bevor sie sprechen, und reagieren meist äußerst empathisch auf andere. Sie sind meist einfühlsam, sehr reflektiert und tappen so weniger oft in Fettnäpfchen. Diese Fähigkeiten sind in vielen Lebensbereichen ein Vorteil, zum Beispiel beim Lernen, in kreativen Prozessen, bei verantwortungsvollen oder sorgsamen Tätigkeiten.
Schüchterne Kinder lassen die Menschen um sich herum meist einfach so sein, wie sie sind. Sie wollen niemanden verändern, nehmen aber gut wahr, was andere fühlen oder brauchen.
Schüchterne Kinder besitzen also oft von sich aus eine Form von emotionaler Intelligenz, was sie zu sehr guten und loyalen Freud*innen macht.
Sie stellen sich selbst nicht in den Mittelpunkt und sind oft höflich im Miteinander. Sie können sich gut konzentrieren, wenn es um sie herum ruhig ist, und sind sich selbst genug.
Schüchternheit bewahrt Kinder auch manchmal davor, sich in gefährliche Situationen zu begeben. Als Kleinkind klettern sie nicht auf jeden Baum, sondern beurteilen vorab mal die Lage. Als Teenager machen sie nicht bei jeder Mutproben mit und verleiten auch andere nicht dazu.
Dein Ziel sollte nicht sein, Schüchternheit „abzustellen“, sondern deinem Kind Werkzeuge zu geben, die es ihm erlauben, situationsgerecht zu handeln: sich zurückzuziehen, wenn es nötig ist, oder sichtbar zu werden, wenn es das möchte.
Vielen Menschen fällt es leichter, mit überlegten, vorsichtigen Kindern umzugehen als mit fordernden, wilden oder sehr mutigen Kindern. Das ist auch der Grund, warum Schüchternheit besonders bei Mädchen oft gelobt und damit unbewusst verstärkt wird.
Wenn dein Kind in sozialen Situationen eher ängstlich reagiert, dann ist das sehr oft ein Vorteil. Angst ist an sich nicht schlecht, sondern eine ganz normale und lebenswichtige Reaktion auf Neues. Angst ist ein Teil der gesunden Entwicklung eines Kindes. Keine Angst zu haben, kann oft gefährlich sein.
Beispiele für schüchterne Prominente
Schüchterne Kinder sind oft sehr sensibel und haben intellektuelle Hobbies. Der indische Pazifist und Kämpfer für Menschenrechte, Mahatma Gandhi, berichtete einmal, dass er als Kind nach der Schule sofort nach Hause gelaufen ist, damit er wieder zu seinen Büchern kam. Er las gerne und zog sich oft zurück. Trotzdem prägten seine leise Hartnäckigkeit und sein friedlicher Widerstand eine ganze Nation.
Auch Rosa Parks wurde oft als schüchterne, ruhige Person beschrieben. Als sie sich 1955 in einem Bus in Montgomery (USA) weigerte, einem weißen Mann ihren Sitzplatz zu überlassen, wurde sie zum Symbol der Bürgerrechtsbewegung. Ihr stiller Widerstand zeigt, dass Schüchternheit nicht mit Passivität verwechselt werden sollte.
Albert Einstein war angeblich am liebsten allein mit seinen Gedanken und veränderte so die Welt, ohne ins Rampenlicht zu treten. In der Literatur wird er manchmal als „The Shy Genius“ bezeichnet.
Aber auch viele Schauspieler*innen gelten als schüchtern. Nicole Kidman, Robert de Niro oder Tom Cruise sollen privat ruhig und zurückhaltend auftreten, aber natürlich sind dies nur Geschichten, die ich nicht belegen kann.
5 Tipps, um schüchternen Kinder zu stärken: Dos & Don’ts
1. Kommunikation
Wie ich mit jemandem rede, hat immer einen Einfluss darauf, wie die Person antwortet. Wenn wir schüchterne Menschen zu sehr bedrängen, dann ziehen sie sich meist noch mehr in ihr Schneckenhaus zurück. Achte also bei deinem Kind darauf, dass du es nicht überforderst oder zu etwas drängst, das es nicht möchte. „Sei nicht so schüchtern“ ist ein Satz, der selten weiterhilft. Genauso wie „Da brauchst du doch keine Angst haben“.
Begleite dein Kind in seinem oder ihrem Tempo, auch, wenn du manchmal schon schneller wärst als deine Tochter oder dein Sohn.
2. Geschlechterrollen
Wir neigen immer noch dazu, schüchterne Buben viel negativer wahrzunehmen als schüchterne Mädchen. Ruhige, vorsichtige Buben sind dann gleich mal feige, während Mädchen, die das gleiche Verhalten zeigen, als angenehm und wohlerzogen wahrgenommen werden. Hinterfrage also immer wieder deine Glaubenssätze in Bezug auf Geschlechterstereotype.
3. Wertschätzung
Damit dein Kind wahrnimmt, dass es auf dem richtigen Weg ist, solltest du die kleinen Schritte wertschätzen, die es macht. Dafür musst du dein Auge schulen und die Balance finden zwischen Wertschätzung und Bloßstellung. Besonders schüchterne Kinder empfinden zu großes Lob oft als unangenehm und werden dadurch eher geschwächt als gestärkt. Durch die Betonung haben sie manchmal das Gefühl, dass ihr Verhalten und somit auch ihre Person zu stark in den Mittelpunkt rückt.
4. Zumuten
Wenn Kinder und Jugendliche in sozialen Situationen zu oft mit Schüchternheit reagieren, dann neigen Eltern manchmal dazu, ihnen Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. So spüren die Kinder aber nicht, wie gut es sich anfühlt, aus der eigenen Komfortzone herauszutreten und über den eigenen Schatten zu springen.
Du kennst dein Kind am besten und kannst daher selbst entscheiden, wo dein Kind noch Unterstützung braucht und wo du ihm auch etwas zumuten kannst. Oft werden schüchterne Kinder unterschätzt. Manchmal benötigen sie einfach nur mehr Zeit, sich auf eine neue Situation einzustellen, sind aber durchaus in der Lage, Aufgaben zu bewältigen.
5. Gesellschaftlichen Druck aushalten
Oft ist es als Eltern gar nicht so einfach, sich gegen den Druck von außen zu stellen. Es erfordert viel Kraft und Mut, für das eigene Kind einzustehen, wenn das Umfeld euch herausfordert. Ob nun Schule, Großeltern oder andere Familien: erklärt eurem Umfeld, dass euer Kind noch nicht so weit ist oder welche Art der Unterstützung es braucht. So sorgt ihr für ein liebevolles, stabiles Umfeld, in dem euer Kind Neues ausprobieren darf, ganz ohne Druck und Zwang.
Was hilft bei Schüchternheit? 7 Übungen für schüchterne Kinder
Hier findest du 7 praxisnahe Übungen, die du mit deinem Kind zu Hause oder in der Freizeit machen kannst. Jede Übung ist so gestaltet, dass sie Schritt für Schritt gesteigert werden kann, ganz im Tempo deines Kindes. Die Übungen können dem Alter deines Kindes angepasst werden. Wichtig ist dabei, dass dein Kind Spaß daran hat! Du solltest also keinesfalls Druck ausüben und das Üben nicht überstrapazieren.
Spüre vorher, was dein Kind gerade braucht. Will es gerade eher eine ruhige Übung machen oder herumtollen? Alles, was Spaß macht, ist erlaubt, und eurer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt!
1. Situationen üben
Oft haben schüchterne Kinder Angst vor sozialen Situationen oder Personen, die sie nicht so gut kennen. Daher kann es helfen, Szenarien zu Hause zu üben, die im Alltag deines Kindes vorkommen können. Spielt also in der Familie Situationen, die dein Kind ängstigen, wie in einem Theaterstück durch. Lass dein Kind aussuchen, welche Rolle es einnehmen möchte. Ihr könnt auch verschiedene Varianten durchspielen, wie sich die Situation entwickeln könnte. Das stärkt das Selbstvertrauen deines schüchternen Kindes, aber auch die Problemlösungsfähigkeit. Ihr könnt auch mal probieren, die Situation ohne Worte zu spielen, sodass der Fokus auf der Mimik und Gestik liegt. Sprecht danach, wie ihr euch in den verschiedenen Situationen gefühlt habt, was euch leichtgefallen ist und was mehr Überwindung gekostet hat.
2. Visualisieren
Die Psychologin und Neurowissenschaftlerin Lisa Feldman Barrett hat herausgefunden, dass unser Gehirn vor allem in Bezug auf Emotionen aus der Vergangenheit lernt. Umso öfter wir also die Erfahrung machen, wie toll es sich anfühlt, mutig zu sein, desto eher wird unser Gehirn auch für zukünftige Situationen die Vorhersage treffen, dass wir gerne mutig sind. Daher ist es wichtig, dass euer Kind sich immer wieder an Situationen erinnert, in denen es Mut bewiesen hat. Sprecht also über diese Momente, zwischendurch oder vor dem Schlafengehen, auch wenn sie euch sehr klein und unbedeutend erscheinen. Und holt sie euch immer wieder vor euer inneres Auge. So lernt euer Kind, negative Gedankenmuster zu unterbrechen und spürt die angenehmen Emotionen immer wieder nach.
In diesem TED-Talk erzählt Lisa Feldman Barrett sehr beeindruckend aus ihrer Forschung, wie unser Gehirn Emotionen kreiert.
3. Die Ein-Satz-Challenge
Übe mit deinem Kind, wie es mit anderen in Kontakt treten kann. Damit der Sprung ins kalte Wasser für dein schüchternes Kind nicht allzu gewagt ist, übt mit nur einem einfachen, kurzen Satz. Gut ist auch, für den Anfang mal mit einer vertrauten Peron zu üben. Dein Kind kann zum Beispiel mal bei einem Familientreffen die Tante fragen: „Darf ich mich neben dich setzen?“. Wenn das gut geklappt hat, könnt ihr gerne darüber sprechen, wie sich das angefühlt hat.
Die nächste Stufe wäre dann eine Person, die nicht gar so vertraut ist, vielleicht die Mutter eines befreundeten Kindes, mit dem gleichen Satz anzusprechen. Irgendwann wirst du merken, dass dein Kind so weit ist, und ihr könnt eine fremde Person auf einer Parkbank fragen. Übt mit möglichst vielen Zwischenschritten. Du könntest zum Beispiel als Vorbild vorangehen und dein Kind schaut erstmal nur zu. Dann stehst du schon hinter deinem Kind und bist da, wenn es noch zu früh ist und die Schüchternheit wieder das Ruder übernimmt. Oder ihr probiert beim Anwenden des Satzes den Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen aus.
Durch diese Übung erhält dein Kind Erfolgserlebnisse. Wichtig ist, dass die Schritte sehr klein sind und es ganz in Ordnung ist, wenn es mal nicht klappt.
4. Nein-Sagen lernen
Damit euer Kind lernt, die eigenen Grenzen zu erkennen und auch nach außen kundzutun, solltet ihr das bereits in der Familie üben. Wenn ihr euer Kind bei Familienentscheidungen altersentsprechend mitbestimmen lasst, dann lernt es, dass auch seine Meinung wichtig und wertvoll ist. Und gleichzeitig wird es lernen, Argumente für die eigenen Anliegen zu finden und zu nutzen.
Übt auch, wie euer Kind seine Meinung klar und trotzdem wohlwollend kommunizieren kann. Wir können auch auf eine sehr freundliche, nette Art „Nein“ sagen und damit für uns selbst einstehen.
5. Blickkontakt üben
Überall, wo andere Menschen sind, könnt ihr mit eurem Kind üben, Blickkontakt herzustellen und irgendwann zu halten. Auch beim Blickkontakt kann die Dauer und Intensität ganz langsam erhöht werden. Erst blinzelt euer Kind die Verkäuferin beim Bäcker vielleicht nur kurz an, irgendwann wird es sich vielleicht sogar ein Lächeln zutrauen und in weiterer Folge den Blick sogar länger halten.
Diese Übung verbessert die nonverbale Kommunikationsfähigkeit und zeigt, wie positiv die meisten Menschen, ob in Geschäften, auf der Straße oder in der U-Bahn, auf ein Lächeln reagieren. Ein Lächeln ist der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen. Allein diese Erfahrung kann schüchterne Kinder enorm stärken.
6. Erfolgstagebuch
Manchen Kindern hilft es, ihre positiven Erlebnisse im Kontakt mit anderen aufzuschreiben. Auch hier sollte euer Kind sich nicht selbst überfordern, ein oder zwei Dinge, die am Tag gut gelaufen sind, können das Selbstwertgefühl bereits stärken. Ob in der Schule, zuhause oder in der Freizeit – jeder Kontakt, jede Wortmeldung kann bereits ein Erfolg sein, den dein Kind in sein Tagebuch notieren kann.
Buchtipp: Mein Stärkenrucksack von Carola Hanusch und Susanne Paulus
7. Körpersprache-Training
Ihr könnt mit eurem Kind auch erforschen, was wir unserem Umfeld mit Körpersprache signalisieren können. Stellt euch fest und sicher auf den Boden wie ein Baum, spürt die Wurzeln, die fest mit der Erde verbunden sind. Haltet die Schultern entspannt, den Oberkörper aufrecht, den Kopf so, als hättet ihr eine Krone auf. Jetzt fühlt sich euer Kind wahrscheinlich gleich stärker, denn es ist fast unmöglich, sich in so einer aufrechten Haltung schüchtern und unsicher zu fühlen.
Wenn euer Kind zuhause gelernt hat, diese Powerpose einzunehmen (zum Beispiel beim Zähneputzen oder morgens, bevor es zur Schule geht), dann übt auch, die Pose beim Gehen zu halten. Aufrechter Gang, Blick nach vorne: so könnt ihr mal gemeinsam durch eine belebte Einkaufsstraße gehen. Und dann probiert es auch mit gebeugtem Kopf und hängenden Schultern. Wie reagieren die anderen Menschen um euch herum? Macht es einen Unterschied? Seid dabei einfach neugierig und probiert gemeinsam aus.
All diese Übungen sollen Spaß machen und euer schüchternes Kind stärken und ihm Mut machen. Wenn ihr euch professionelle Hilfe wünscht, dann könnt ihr gerne in die Elternberatung kommen, wo ich euch noch mehr Tipps geben kann, die auf euer Kind und eure Familie zugeschnitten sind.
