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Konflikte in der Familie lösen: Miteinander statt gegeneinander

1. Mai 2024

Wünschst du dir die perfekte, heile, immer fröhliche Familie? Falls ja, dann muss ich dir jetzt schon sagen: das wird schwierig. Ich jedenfalls kenne keine perfekte Familie und Konflikte in der Familie sind wohl ganz alltäglich. Es wird gestritten, ob zwischen den Eltern, zwischen Eltern und Jugendlichen, zwischen Geschwistern oder auch zwischen erwachsenen Familienmitgliedern. In Familien treffen unterschiedliche Persönlichkeiten und Charaktere aufeinander und alle Beteiligten haben auch noch ganz unterschiedliche Bedürfnisse. Papa will in Ruhe die Zeitung lesen, Mama möchte einen Familienausflug ins Grüne machen, der Kleine möchte Video spielen und eure Teenager-Tochter will einfach nur in Ruhe gelassen werden. Familienalltag eben.

Schwierig wird es aber, wenn sich Familienkonflikte mehr und mehr in Streit verwandeln. Wenn also Diskussionen in Schreierei ausarten und statt Miteinander nur noch Gegeneinander herrscht. Wie könnt ihr Konflikte in der Familie lösen und lernen, aus eurem Zuhause wieder einen Wohlfühlort für euch und eure Kinder zu machen?

Wie Konflikte in der Familie Kinder und Jugendliche beeinflussen

Im alltäglichen Familienleben geraten Eltern oft an ihre Grenzen. Du kommst nach einem anstrengenden Tag nach Hause und dort sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Laute Musik dröhnt durch die Wohnung und die Sportklamotten im Eck erfüllen den Raum mit einem ekelerregenden Geruch. Du siehst dich um, und was macht dein Partner oder deine Partnerin? Liegt auf der Couch und sieht fern. In dieser Situation reagieren wir unterschiedlich. Manche brüllen los, gehen aktiv in den Streit und lassen ihrem Ärger freien Lauf. Andere reagieren bockig, ziehen sich in ihr Schneckenhaus zurück, sind beleidigt. Sie warten nur darauf, dass die anderen Familienmitglieder bemerken, was los ist und sich entschuldigen.

Du kennst diese Reaktionen vielleicht von dir oder von anderen. Deshalb weißt du auch: beide Varianten, mit konfliktbehafteten Situationen in Familien umzugehen, führen zu noch mehr Streit und saugen noch mehr Energie, die du aber nicht mehr hast. Dein Energietank ist absolut leer. Und so eskaliert der Konflikt, wird zum Streit und der wohlverdiente Feierabend wird zum Albtraum.

Kinder, deren Eltern sich häufig streiten, haben oft Schuldgefühle. Vor allem, wenn es im Familienstreit um sie geht, also um Organisatorisches, um ihre Schulnoten oder um ihre Freizeitgestaltung. Das versetzt euer Kind in Stress, es hat das Gefühl, dass es stört und Schuld ist am Konflikt der Eltern. Dabei ist das von euch oft gar nicht so gemeint. Ihr seid nur verschiedener Meinung oder eben im Moment total überfordert.

Elternsein ist Überforderung mit Ansage! Manchmal ist es ganz normal, auf Überlastung und Herausforderungen, die der Familienalltag mit sich bringt, gereizt zu reagieren.

Mit Kindern ist man plötzlich nicht mehr nur für sich verantwortlich, sondern auch für andere Menschen. Das kann leicht zu Überforderung führen. Diese Situationen bringen uns aus dem inneren Gleichgewicht und lassen uns unseren guten inneren Zustand verlieren. Dann straucheln wir, ärgern uns über uns selbst, über die anderen und es kommt zum Streit. Diese angespannte Atmosphäre spüren bereits Kleinkinder. Auch sie geraten aus dem Gleichgewicht, spüren ein Gefühl von Angst, Unsicherheit und fehlender Stabilität.

Die Bindungstheorie nach John Bowlby

Konflikte bedeuten ja, dass Menschen mit unterschiedlichen Positionen und Bedürfnissen aneinandergeraten, dass man sich aneinander reibt. Dadurch entsteht Energie, die leider in vielen Fällen negativ ausfällt, aber sehr intensiv sein kann. Und schon Kleinkinder spüren diese Energie, was ihrer Entwicklung erheblich schaden kann.

Nach dem Kinderpsychiater John Bowlby haben Menschen ein angeborenes Bedürfnis nach engen emotionalen Bindungen. Die erste Bindung, die ein Säugling aufbaut, ist die zu den Eltern. Bowlby hat dazu in seiner Bindungstheorie verschiedene Bindungstypen beschrieben:

1. Der unsicher-vermeidende Bindungstyp
2. Der sichere Bindungstyp
3. Der unsicher-ambivalente Bindungstyp
4. Der unsicher-desorganisierte Bindungstyp

Später fand man heraus, dass auch das Bindungsverhalten der Eltern zueinander eine große Rolle für die spätere Gesundheit des Kindes spielt.

Kinder brauchen gute Vorbilder

Wenn Kinder und auch Jugendliche oftmaligen Streit zwischen den Eltern mitbekommen, dann kann das ihre psychische Gesundheit enorm beeinträchtigen. Das Sicherheitsgefühl der Kinder leidet unter den dauernden Konflikten innerhalb der Familie, und auch Jugendliche empfinden dann eine starke Unsicherheit. Sie wissen nicht, wie sie reagieren oder wie sie die Situation einschätzen sollen, was wiederum an ihrem Selbstvertrauen nagt.

Die Beziehung der Eltern ist meist die erste Beziehung, die Kindern später zum Vorbild für weitere Beziehungen dient. Ist diese Beziehung von Streit zwischen den Eltern geprägt, dann ist das eine grundlegende Prägung für euer Kind.

Es kann sein, dass eure Tochter oder euer Sohn daraus lernt, dass Streitereien in Beziehungen zum Alltag gehören. Später können sie dann selbst aggressives Verhalten an den Tag legen. Oder aber, euer Kind kapselt sich als Teenager ab, zieht sich zurück. Es hat durch die Konflikte in der Familie und euren Umgang damit gelernt, Beziehungen im späteren Leben abzulehnen. Die Jugendlichen ahmen dann das Verhalten der Eltern nach. Sie ziehen sich entweder in ihr Schneckenhaus zurück und gehen in die Opferrolle. Oder aber sie reagieren schon bei kleinen Streitigkeiten aufbrausend, wütend und aggressiv. Die Entscheidung, welche Rolle sie in Familienkonflikten nachahmen wollen, treffen die Jugendlichen bereits sehr früh aufgrund ihrer Vorbilder.

Kinder, die nie gelernt haben, Konflikte konstruktiv zu lösen, bauen später selbst schwieriger enge Bindungen auf. Außerdem weisen sie laut Statistik eine höhere Depressionsrate auf.

Aus diesem Grund ist es wichtig, dass ihr als Eltern eurem Kind ein sicheres Umfeld bietet und lernt, wie ihr Streit in der Familie lösen könnt. Ihr könnt eurem Kind schon früh lernen, Konflikte zu lösen, indem ihr ihm mit gutem Beispiel voran geht.

5 Tipps für konstruktives Streiten in der Familie

Um euren Kindern also ein gutes Vorbild für ihre eigene Zukunft zu sein ist es wichtig, Streit nicht aus dem Weg zu gehen. Euer Kind soll vielmehr lernen, wie man richtig streitet. Denn nur so lernt es auch, dass Konflikte zum Leben mit anderen dazugehören, aber keinesfalls den Verlust von Sicherheit bedeuten müssen.

Hier findet ihr 5 Tipps, wie ihr mit Konflikten in der Familie umgehen könnt. Diese gelten für Streitereien zwischen Eltern, aber auch für Konflikte zwischen Eltern und Jugendlichen.

1. Sprecht miteinander statt gegeneinander

Wenn es eine Meinungsverschiedenheit zwischen den Eltern gibt, dann bemüht euch um ein konstruktives Besprechen des Themas. Euer Kind soll mitbekommen, wie ein Streit abläuft und wie er endet. Konstruktiv bedeutet, dass ihr weniger auf euren Positionen beharrt, sondern Lösungen für den Konflikt sucht. Wenn euch das in der Emotion schwer fällt, dann vertagt den Streit bewusst auf einen Zeitpunkt. Diskutiert erst weiter, wenn ihr euch beide etwas beruhigt habt.

2. Muster erkennen und durchbrechen

Streitereien in der Familie laufen oft nach demselben Muster ab. Ihr kennt das sicher, man reagiert schon wieder gleich und fühlt sich jedes Mal schlecht dabei. Viele Familien können bereits ein Skript für typische Konfliktsituationen verfassen. Zum Beispiel: A sagt JA, B sagt NEIN. A wird wütend, B wird bockig. A brüllt, B verlässt den Raum und knallt die Türe hinter sich zu. Außerdem sind die Konfliktpunkte oft wiederkehrend: „Du räumst nie den Geschirrspüler aus!“ oder „Deine Arbeit ist dir wichtiger als deine Familie!“

Versucht mal in einem ersten Schritt, eure Muster zu erkennen. Alleine dadurch ändert sich meist schon sehr viel in eurem Umgang miteinander.

In einem nächsten Schritt könnt ihr kreativ werden. Wie könntet ihr anders reagieren, um den Konflikt in der Familie zu lösen? Welche Lösungen könntet ihr anbieten? Wenn ihr euer Verhalten ändert, dann durchbrecht ihr die immer gleiche Spirale. Das führt auch dazu, dass sich euer Gegenüber plötzlich anders verhalten wird. Wenn ihr hingegen darauf wartet, dass sich euer Partner oder eure Partnerin anders verhält, dann ändert sich vielleicht nie etwas.

Kindern hilft es übrigens schon, wenn sie nur bei einem Elternteil ein konstruktives, lösungsorientiertes Verhalten erkennen.

3. Vermeidet Verallgemeinerungen

Häufig werden im Streit Phrasen wie „Du hast immer …“, „Nie hilfst du …“, „Alle anderen sagen auch …“ verwendet. Solche Generalisierungen stellen das Gegenüber als Monster dar, das NIE etwas richtig machen kann. Und das frustriert natürlich. Definiert die Punkte, die euch stören, möglichst genau. In einem nächsten Schritt sagt dann genau, was ihr euch wünscht. „Gestern war ich wirklich genervt, weil du so spät zum Essen gekommen bist. Ich wünsche mir einfach, dass wir beim Abendessen als Familie gemeinsam am Tisch sitzen.“

4. Lösungen statt Schuldige finden

In einem Streit geht es nicht darum, wer der oder die Schuldige ist, denn dadurch wird der Konflikt nicht gelöst. Viel wichtiger ist es, eine Lösung zu finden, mit der es allen Beteiligten gut geht. Diese Lösung kann auch ein Kompromiss sein. Der ist vielleicht nicht die beste Lösung, aber oft besser, als weiter zu streiten.

5. Person und Verhalten trennen

Haltet euch während eines Streits vor Augen, dass euch jetzt gerade ein spezifisches Verhalten stört, nicht aber die Person, die euch gegenübersteht. Du liebst zum Beispiel deine Partner, aber dass er den Geschirrspüler nicht so einräumt, wie du das gerne hättest, nervt. Du liebst dein Kind! Aber dass es einfach nicht einsehen will, dass du nicht seine Reinigungskraft bist, macht dich richtig wütend.

Im Streit sollte es also um das Verhalten gehen, das euch stört, nicht aber um die Person an sich.

Denn trotz dieses nervigen Verhaltens habt ihr euer Gegenüber ja gern. Denn sie oder er hat ganz viele tolle Eigenschaften habt, die ihr mögt.

Konflikte in der Familie: Was tun?

Wenn es in einer Familie zu einem Konflikt kommt, dann spulen wir, wie oben bereits erwähnt, immer wieder die gleichen Muster ab. Wir verhalten uns meist ähnlich und kommen so nicht aus der Negativspirale. Wie könnt ihr also einen Streit in der Familie lösen oder ihn vielleicht sogar gar nicht entstehen lassen?

Bedürfnisse erkennen

Wenn wir streiten, dann geht es uns immer darum, gewisse Bedürfnisse zu befriedigen. Angelehnt an die Bedürfnispyramide des amerikanischen Psychologen Abraham Maslow haben wir neben den grundlegenden physiologischen Bedürfnissen (Essen, Trinken, Sauerstoff, …) noch 4 Grundbedürfnisse, die unser Handeln beeinflussen und uns motivieren.

1. Sicherheitsbedürfnis: Unsere Handlungen sind meist darauf ausgelegt, dass wir uns sicher und geborgen fühlen. Nicht nur Kinder wünschen sich Geborgenheit. Auch Erwachsene mögen Stabilität und fühlen sich wohl in Situationen, die sie verstehen oder bereits kennen.

2. Soziale Bedürfnisse: Hier geht es um die Menschen um uns herum. Es geht um die Verbindung zu anderen, um Kommunikation und Liebe. Wir fühlen uns wohl, wenn wir uns mit anderen austauschen und unseren Platz in einer sozialen Gruppe, in der Familie oder im Freundeskreis kennen und uns dessen sicher sind.

3. Individualbedürfnis: Dieses Bedürfnis ist von Mensch zu Mensch verschieden, also sehr individuell. Es geht hier um unser Streben nach Signifikanz, nach Anerkennung und Wertschätzung. Wir alle wollen gebraucht und wahrgenommen werden, und einen gewissen Status in einer sozialen Gruppe erlangen.

4. Selbstverwirklichung: Wenn wir genug zu Essen und zu Trinken haben, uns sicher fühlen, eine Gruppe an Menschen um uns haben, die uns liebt und wir Wertschätzung und Anerkennung erfahren, dann setzt das Bedürfnis ein, die eigenen Potenziale zu entfalten und unserer Kreativität freien Lauf zu lassen. Dann wollen wir also dem Leben einen Sinn geben. In diese Kategorie der Bedürfnisse fallen auch Überraschung, Abenteuer und die Lust auf Neues.

Erst, wenn wir uns wirklich sicher fühlen, haben wir das Bedürfnis, Abenteuer zu erleben und Neues zu entdecken.

Wenn wir in einen Konflikt in der Familie geraten, dann ist es hilfreich zu erkennen, welches Bedürfnis hinter diesem Familienkonflikt steht. Hat man das Bedürfnis herausgefunden, dann geht es weiter: Welche problematische Strategie verfolgst du in dieser Situation? Und welche andere Strategie könntest du nutzen, um dein Bedürfnis nachhaltig zu befriedigen, aber auf eine konfliktfreie Art, sodass es allen Beteiligten damit gut geht?

Konflikt in der Familie: Beispiel Bedürfnisse

Nehmen wir zum Beispiel Anna und Harald. Anna ist genervt, weil ihr Mann Harald seine Sportsachen jeden Donnerstag im Wohnzimmer liegen lässt. Er könnte sie doch gleich in die Waschmaschine werfen. Also kommt es regelmäßig zum Streit. Anna verdreht jede Woche genervt die Augen. Harald versteht nicht, warum er das nicht später machen kann, gerade ist er doch erschöpft vom Sport. Anna faucht ihn an und dann wird auch Harald laut. Der gemütliche Abend ist im Eimer.

Welches Bedürfnis steht nun hinter Annas Gereiztheit? Sind wirklich die Sportsachen das Problem, oder fehlt es Anna vielleicht an Respekt? Das wäre dann das Bedürfnis nach Signifikanz, nach Wertschätzung, also das Individualbedürfnis. Der Streit ist dann die Strategie, die die beiden nutzen. Durch das Geschrei bekommt Anna Aufmerksamkeit, wenn auch negative. Durch diese Aufmerksamkeit wird ihr Individualbedürfnis erstmal gestillt, wenn auch nicht nachhaltig, denn am Ende fühlen sich beide schlecht.

Wenn Harald wissen würde, dass Anna gerne in eine aufgeräumte Wohnung kommt, um ihren Feierabend zu genießen, dass sie sich respektlos behandelt fühlt, würde er wahrscheinlich die fünf Meter zur Waschmaschine zurücklegen und seine verschmutzten T-Shirts in die Trommel werfen. Doch weil die beiden so in ihrem Streitmuster gefangen sind, bleiben sie bei ihrem üblichen Vorgehen. Anna sagt nicht, was sie wirklich so aufregt, und Harald beharrt auf seiner Gegenposition.

Anna könnte sich also erstmal fragen, was genau sie so nervt. Wenn es der fehlende Respekt ist, dann kann sie es Harald erklären und gemeinsam können sie auf eine Lösung kommen.

Oft ist die Lösung einfacher als gedacht! Wir investieren meist wahnsinnig viel Energie in den Streit, aber wenig Energie in die Suche nach einer nachhaltigen Lösung.

Wichtig ist bei solchen Konflikten in der Familie, dass das Gespräch über die dahinterliegenden Bedürfnisse in einem ruhigen Moment stattfindet. Außerdem sollten sich beide gemeinsam auf die Suche nach der Lösung machen.

Perspektivenwechsel

Oft scheinen die Herausforderungen, die an uns gestellt werden, zu groß, zu viele, um sie zu bewältigen. Die Probleme purzeln nur so vom Himmel und der Berg an Problemen wird dann so groß, dass wir das Gefühl haben, ihn nie wieder abbauen zu können. Und aus dieser Überforderung heraus werden auch Kleinigkeiten zur Mammutaufgabe. Wir werden ärgerlich, suchen Schuldige und geraten immer mehr, immer öfter in Konflikte. Konflikte mit uns selbst („Ich bin nicht gut genug!“), aber auch mit anderen („Du unterstützt mich nie!“). Meist äußern sich diese Konflikte in der Familie, denn hier trauen wir uns, unserem Ärger Luft zu machen.

In solchen Situationen hilft ein Perspektivenwechsel, ein innerliches Heraustreten aus der Situation, um sie dann umzudeuten. Denn oft kannst du die Situation nicht ändern, aber deinen Blick auf die Dinge schon.

Wenn du weiter gegen eine Situation, die du nicht ändern kannst, ankämpfst, wirst du den Fokus immer auf das Problem gerichtet haben. Wenn du das Problem aber annimmst und es vielleicht für dich umdeutest, dann wird es sich für dich leichter anfühlen. Und so wird auch der Weg zur Lösung des Problems leichter werden.

Konflikt in der Familie: Beispiel Perspektivenwechsel

Nehmen wir wieder das Beispiel von Anna, Harald und den Sportklamotten. Anna ärgert sich jede Woche aufs Neue, wenn die dreckigen Sportsachen im Flur liegen. Harald sitzt gemütlich auf der Couch. Vielleicht liegen da noch die Schulsachen der Kinder am Tisch. Die haben es sich inzwischen vor dem Fernseher gemütlich gemacht und lachen gemeinsam über eine ihrer Lieblingssendungen. Ein Apfelputz liegt neben den Schulheften und der Geschirrspüler quillt über, aber nicht einmal einschalten konnte ihn jemand. Es ist zum aus der Haut fahren!!!

Jetzt kann Anna überlegen, wie sie diese Situation umdeuten kann, damit sie leichter damit klarkommt. Anstatt sich auf das Chaos im Wohnzimmer zu konzentrieren, sieht Anna plötzlich ihre Familie, die Spaß hat. Eine Familie, die sich in ihrem Zuhause so sicher und geborgen fühlt, dass sie einfach mal alles von sich abfallen lassen kann. Nicht nur die Sorgen, sondern eben auch die dreckige Wäsche. Und bereits bei diesem Gedanken wird der Ärger in Annas Bauch ein bisschen weniger.

Der Perspektivenwechsel, im systemischen Coaching auch Reframing genannt, ist keine Verdrängung. Reframing bedeutet nur, dass man den Rahmen wechselt, der eine Situation umgibt, das Bild sozusagen in einen neuen Rahmen einbettet. Anna wird die Punkte, die ihr wichtig sind, später noch ansprechen, um den Konflikt in der Familie zu lösen. Aber sie wird das in einem völlig anderen inneren Zustand tun und deshalb viel offener sein für Lösungen. Und auch ihre Familie wird ihre Sorgen und Nöte besser verstehen, wenn sie diese nicht aus ihrem Ärger, ihrer Wut heraus vorbringt.

Eine ganz besondere Art des Reframings ist Humor. Wir alle kennen Situationen, in denen wir einen Witz machen und ein Konflikt sich plötzlich in Wohlgefallen auflöst. Einfach deshalb, weil alle lachen müssen. Auch durch Humor wird ein Problem in einen anderen Kontext gesetzt und allein dadurch aufgelöst.

Gedankenhygiene

Diese Methode kannst du dann anwenden, wenn du in einer Konfliktsituation in der Familie einen schlechten Gedanken hast, den du meist schon kennst. Anna zum Beispiel wird sich immer wieder denken „Ich bin in dieser Familie die Einzige, die aufräumt!“ oder „Harald denkt, ich bin seine Putzfrau!“.

Jetzt kannst du dir 3 Fragen stellen, die dir helfen können:

1. Ist es wahr? Immer?
2. Hilft mir der Gedanke?
3. Was will ich stattdessen denken?

So wie bei einer Mundhygiene kannst du auch deine Gedanken reinigen. Durch diese 3 einfachen Fragen kannst du in deinem Kopf aufräumen. Du wirst auf neue Gedanken kommen, die dir helfen, anstatt dich zu blockieren.

Konflikt in der Familie: Beispiel Gedankenhygiene

Anna wird merken, dass Harald vielleicht doch manchmal hilft und auch die Kinder gerade gestern noch den Geschirrspüler ausgeräumt haben. Sie will stattdessen vielleicht denken „Wir sind ein Team“ und wird die Diskussion nun ganz anders angehen. Und vielleicht wird das gemeinsame Abendessen dadurch ja doch noch gemütlich und lustig werden.

4 Gründe für Ärger

Oft hilft es in Konfliktsituationen, wenn man sich darüber bewusstwird, warum man sich eigentlich ärgert. Wenn du den Grund für deinen Ärger erstmal erkannt hast, dann kannst du viel besser damit umgehen und Konflikte in der Familie leichter und schneller lösen. Es gibt 4 Gründe, die zu Ärger führen können.

Spiegel

Das Gegenüber spiegelt dir eine Eigenschaft oder eine Reaktion, die du von dir selbst kennst und an dir nicht magst. Also eine Eigenschaft, die du negativ bewertest. Ein Beispiel wäre, wenn deine Tochter sich nicht auf die Hausübungen konzentriert und immer wieder andere Dinge findet, die sie stattdessen machen könnte. Vielleicht kennst du dieses Verhalten aus deiner Schulzeit oder bist selbst in der Arbeit manchmal unkonzentriert?

Falls du übrigens mehr darüber wissen möchtest, wie dein Teenager die Lust am Lernen wiederentdecken kann, dann lies doch meinen Artikel 7 Tipps für die Null-Bock-Phase! – Wenn Teenager nicht lernen wollen.

Neid

Jemand macht oder kann etwas, das du selbst gerne können oder tun würdest. Dein Partner oder deine Partnerin kann zum Beispiel den ganzen Sonntagmorgen die Zeitung lesen, ohne sich um die Kinder zu kümmern, die sowieso in Ruhe gelassen werden wollen. Wenn du selber den Morgen genauso genießen möchtest, hast du aber immer ein schlechtes Gewissen, zu egoistisch zu sein. Dabei würdest du das so gerne auch können.

Anker

Ein Anker ist ein Reiz von außen, der in dir ein gewisses Gefühl auslöst. So ein Anker kann zum Beispiel ein Satz sein, den deine Mutter früher oft gesagt hat. Es kann auch das Parfum einer Lehrerin sein, die du nicht mochtest. Oder ein „Reg dich nicht so auf“ deines Sohnes, das dein Ex im gleichen Tonfall früher immer gesagt hat. Wird ein Anker ausgelöst, dann ist der Ärger meist größer, als die Situation es eigentlich erfordert.

Kein klares oder gemeinsames Ziel

Vielleicht habt ihr in der Partnerschaft oder in der Familie nicht das gleiche Ziel? Du willst einen Spaziergang als Familie machen, die anderen Familienmitglieder wollen vor dem Fernseher chillen. Oder ihr habt zwar das gleiche Ziel, zum Beispiel „Wir gehen in den Prater“, du meintest aber einen Spaziergang im Grünen, deine Tochter wollte mit der Achterbahn fahren. Ihr startet also gemeinsam los, der Konflikt ist jedoch vorprogrammiert. Hier gilt es, die Ziele möglichst genau abzustecken. Erkläre genau, was dein eigener Wunsch ist und sei neugierig, was die anderen Familienmitglieder wollen.

Wie kann man Konflikte in der Familie lösen?

Bei Konflikten in der Familie prallen unterschiedliche Bedürfnisse und Sichtweisen aufeinander. Jedes Familienmitglied hat andere Ansichten. Nur durch Diskussionen lernen wir die Bedürfnisse der anderen kennen und können gemeinsame Lösungen finden. Dies funktioniert aber nur, wenn ihr als Familie lernt, wie man richtig streitet. So kommt ihr letztendlich auch zu einer Lösung, mit der alle gut leben können.

Hier zum Schluss noch ein paar Anregungen, wie der Streit in der Familie nicht eskaliert:

Direkte Kommunikation

Wenn es etwas auszudiskutieren gibt, dann achtet auf respektvollen Umgang. Sprecht die Dinge an, die euch am Herzen liegen, jedoch ohne Schuldzuweisungen oder Beschimpfungen.

Empathie

Auch, wenn es direkt im Streitgespräch schwerfällt, versucht trotzdem, die andere Sichtweise zu verstehen. Wenn ihr nicht versteht, was eurem Gegenüber so wichtig ist in dieser Situation, dann fragt nach.

Ziel klären

Damit euer Gegenüber euren Standpunkt versteht, solltet ihr euer Ziel genau erklären. Warum brauchst du gerade jetzt eine Verschnaufpause? Warum willst du heute den Ausflug mit der Familie?

Erklärt eure Bedürfnisse und Beweggründe so genau wie möglich, ohne das Gegenüber anzugreifen.

Fokus auf Lösung

Legt im Streit den Fokus auf die Lösung, nicht auf das Problem. Wie könntet ihr die Situation positiv auflösen, gibt es einen guten Kompromiss, mit dem alle glücklich sind?

Vermeidet Schuldzuweisungen

Sprecht von eurer eigenen Wahrnehmung, statt eurem Gegenüber das Gefühl zu geben, schuld zu sein: „Ich habe das Gefühl, unsere Kinder verbringen zu viel Zeit vor dem Bildschirm“ statt: „Du erlaubst den Kindern zu viel Bildschirmzeit“. Diese sogenannten Ich-Botschaften lassen auch dem anderen die Möglichkeit, die eigene Sichtweise darzulegen, ohne sich in die Enge getrieben zu fühlen.

Innerer Zustand

Versucht, auch während eines Streits in einem guten inneren Zustand zu bleiben. Wenn ich verletzt bin, dann verletze ich auch andere Menschen. Wenn ich aber ruhig und positiv bin, dann merken das auch die anderen. Methoden, wie man sich selbst wieder in einen positiven mentalen Zustand bringt, könnt ihr in der Elternberatung lernen.

Solltet ihr als Familie immer wieder in Konfliktsituationen geraten und nicht wissen, wie ihr da wieder rauskommt, dann ist das Familiencoaching vielleicht der geeignete Weg, um wieder zu einem wertschätzenden Miteinander als Familie zu finden.